Atlas linguistique de la France (ALF) - Parameterkarten

Linguistische Interpretation der kartographischen Synopse der Schiefe-Werte

     
Linguistische Interpretation des Parameters "Schiefe"
Empfohlene Einstellung zur Visualisierung: 8 Wertstufen
Die „Schiefe“ (engl. skewness, frz. coefficient d’asymétrie de Fisher) ist ein Maß zur Erfassung bzw. Messung der Symmetrie einer Häufigkeitsverteilung. Dabei bezieht sich der Begriff Symmetrie auf die variabel große Anzahl einzelner Messwerte zu beiden Seiten des Mittelwerts. Sofern eine Häufig- oder Ähnlichkeitsverteilung vollkommen symmetrisch ist, erhält die Schiefe den Wert 0. Andernfalls ergeben sich mehr oder weniger große Werte ober- oder unterhalb von 0. Über die Symmetrie einer Ähnlichkeitsverteilung kann man deren kommunikative Wertigkeit innerhalb des Gesamtnetzes abschätzen. Damit wird ein Phänomen erfasst, das in der Dialektologie oft mit „Sprachausgleich“ bezeichnet wurde. Dabei kann es Dialekte geben, die voll im Trend dessen liegen, was in dem betreffenden Netz „derzeit aktuell“ ist [= Sprachausgleich: groß], während sich andere Dialekte solchen Angleichungstendenzen vollkommen verschlossen haben [= Sprachausgleich: klein]. Im vorliegenden Fall bedeutet dies – auf die Farben der Choroplethenkarte bezogen – folgendes:
Blau: Gebiete, die über ein sehr großes Ausmaß an Sprachausgleich verfügen. Es sind das sprachlich unruhige Gebiete, die von einem starken Sprachwandel gekennzeichnet sind, der meist auf sich ausbreitenden Innovationen zurückgeht.
Rot: Gebiete, die über ein nur sehr geringes Ausmaß an Sprachausgleich verfügen. Es sind das sprachlich sehr konservative Gebiete, die sich von außen kommenden Sprachkontakten sehr lang und mit besonderer Hartnäckigkeit verweigert haben.
Linguistischer Kommentar der dabei entstehenden Choroplethenkarte
Der Norden Frankreichs (domaine d’Oïl mit dem Frankoprovenzalischen) ist durch zwei zirkuläre Konfigurationen in Dunkel- und Mittel-Blau (= Wertstufen 1 und 2) gekennzeichnet: eine größere im Norden und eine kleinere rund um das Frankoprovenzalische im Südosten. Während die große Zirkularkonfiguration ursächlich auf die radiale Expansion des Sprachtyps der Ile-de-France zurückgeht, ist die kleinere Zirkularkonfiguration das Resultat des von permanentem Sprachkontakt (und -konflikt) begleiteten Zurückweichens des Frankoprovenzalischen (= des Lateinischen vom Typ Lugdunums/Lyons) vor dem Nordfranzösischen (langue d’Oïl) im Nordwesten und dem Südfranzösischen (lange d’Oc) im Süden und Südwesten gekennzeichnet.
Die grünen Zonen entsprechen – bildlich gesehen – „pazifizierten“ Zonen bzw. solchen Gebieten, in denen „der erste Sturm der Expansion verebbt ist“. Der Süden Frankreichs ist dagegen von punktuellen Konfigurationen in Rot und Orange (Gascogne, Languedoc, Roussillon, Provence) gekennzeichnet, die archaischen bzw. – sprachhistorisch gesehen – weitgehend undurchmischt verbliebenen Gebieten entsprechen. Man beachte, dass sich zwischen diesen Gebieten und dem Norden über die Farben Ocker und Gelb sehr glatt verlaufende Übergangszonen aufgebaut haben.
Über die Synopse der Schiefen erstellte Choroplethenkarten haben eine sehr große sprachhistorische Relevanz; sie erlauben die Overall-Rekonstruktion der in einem bestimmten Gebiet abgelaufenen Sprachdynamik.
 
  Text: Hans Goebl  
© Slawomir Sobota